HERBERT-GANDALFKNARZFEDER
Herberts chaotisches Atelier mit alten Kameras, Filmarchiv, Feldbüchern und überfülltem Arbeitstisch

TIERFOTOGRAFIE. MIT HALTUNG.

Tierfotografie
Knarzfeder – aus Leidenschaft
zum Animalischen.

Seltene Begegnungen. Eigene Wege.
Und ein Atelier, das davon erzählen kann.

Meine Arbeit entdecken ↘
KÖLN ZU HAUSE. IM UNTERHOLZ DAHEIM.HINTER DEN AUFNAHMENEin Blick in Herberts Welt ↗↓

DAS WESENTLICHE IST SELTEN ZAHM.

Manche warten auf das Licht.
Ich warte, bis es zurückblickt.

Außergewöhnliche Tiere. Unbequeme Orte. Und ein Mann, der seit Jahrzehnten behauptet, gleich wieder da zu sein. Willkommen in meinem Revier.

I.

AUSGEWÄHLTE ARBEITEN

Begegnungen,
die bleiben.

Jedes Bild hat eine Geschichte.
Diese hier hat auch einen Geruch.

WORRINGER BRUCH · FRÜHER MORGENANALOG / 35 MM

01 — MOORBEWOHNER

Der Fermentierte
Schwartenbiber.

„Man riecht ihn drei Tage,
bevor man ihn sieht.“

Am siebten Morgen im Worringer Bruch hatte ich aufgehört, auf meine Uhr zu schauen. Sie war am vierten Morgen versunken. Dann bewegte sich etwas, das ich bis dahin für eine beleidigte Uferböschung gehalten hatte.

Der Schwartenbiber trat aus dem Schilf und sah mich an, als schuldete ich ihm seit 1963 Geld. Ich blieb reglos. Er auch. Nach vierzig Minuten war klar: Einer von uns musste beruflich hier sein.

MOTIV
Fermentierter Schwartenbiber
AUFNAHMEORT
Worringer Bruch, Köln
AUFNAHMEJAHR
2019
KAMERA
Leica M3 · Summicron 50 mm ƒ/2
SULAWESI · FEUCHTER LAUBWALDANALOG / 35 MM

02 — WALDBEWOHNER

Der unersättliche
Koboldmaki.

„Er bewegte sich nur,
wenn die Banane es tat.“

Ich fand ihn nicht durch seine Rufe. Ich fand ihn durch das Geräusch einer Banane, die unter erheblichem Zeitdruck verzehrt wurde. Im Tangkoko-Naturreservat auf Sulawesi saß ein Koboldmaki vor einem Obsthaufen und führte ein Leben, das vollständig ohne Aufstehen auskam.

Drei Stunden beobachtete ich ihn. Er aß. Dann aß er etwas anderes. Eine kurze Pause nutzte er, um Nahrung aus einer Hautfalte zu bergen. Seine großen Augen überwachten dabei ununterbrochen die nächste Banane. Ein Blick für das Wesentliche, den ich als Fotograf durchaus respektiere.

MOTIV
Koboldmaki mit Fresssucht
AUFNAHMEORT
Tangkoko-Naturreservat, Sulawesi, Indonesien
AUFNAHMEJAHR
2022
KAMERA
Nikon F3 · Micro-Nikkor 105 mm ƒ/2,8
KÖNIGSFORST, KÖLN · AM SCHLAMMTÜMPELANALOG / 35 MM

03 — TÜMPELBEWOHNER

Der tätowierte
Bullfrog.

„Die Fliege flog.
Der Rest blieb haften.“

Am schlammigen Ufer im Kölner Königsforst hörte ich zuerst ein sattes Quaken. Dann sah ich die Totenköpfe. Auf dem Oberarm eines Bullfrogs. Ich fotografiere seit einer Ewigkeit Tiere, aber noch nie hatte eines ausgesehen, als würde es nebenbei eine Motorradwerkstatt führen.

Er trug eine Kappe, eine Krone auf der Brust und so viele Tattoos, dass ich mein Bestimmungsbuch zunächst verkehrt herum hielt. Woher die Tätowierungen kamen, konnte ich mir beim besten Willen nicht erklären. Wer tätowiert einen Frosch? Wie hält man die Haut trocken? Und wer unterschreibt die Einverständniserklärung?

MOTIV
Tätowierter Bullfrog nach einem Fehlgriff mit der Zunge
AUFNAHMEORT
Königsforst, Köln
AUFNAHMEJAHR
2024
KAMERA
Canon F-1 · FD 100 mm ƒ/2,8
WÜLFRATH2010 / ANALOG

004 — HAUSBESUCH

Fräulein
Fledermaus.

„Frau Walda puderte nach.
Ich wechselte den Film.“

Dorotea Walda empfing mich in ihrer Wohnung in Wülfrath mit Filterkaffee und den Worten: „Sie ist heute ein bisschen blass.“ Auf einer kleinen Sitzstange wartete Fräulein Fledermaus. Sie war seit Jahren verstorben. Ihr Teint hatte damit laut Frau Walda nichts zu tun.

Jeden Morgen kümmerte sich Frau Walda um das Make-up ihrer Hausfledermaus. Blauer Lidschatten, ein sauber gezogener Lidstrich, Lippenstift. Während andere Menschen ihre Zimmerpflanzen besprühen, besserte sie die Wimpern nach. Ich stellte die Kamera auf und wartete, bis sie mit dem Rouge zufrieden war.

MOTIV
Fräulein Fledermaus
AUFNAHMEORT
Wülfrath
AUFNAHMEJAHR
2010
KAMERA
Minolta X-700 · MD 50 mm ƒ/1,7
KANALISATION AM THEODOR-HEUSS-RING, KÖLN2023 / ANALOG

005 — UNTER DER STADT

Riesensau
im Tunnel.

„Zum ersten Mal war
selbst der Fluchtweg besetzt.“

In der Kanalisation am Theodor-Heuss-Ring hörte ich ein schweres Schnaufen, lange bevor mein Licht die Sau erreichte. Dann stand ich vor ihr. Oder genauer: vor dem Teil von ihr, der den gesamten Tunnel ausfüllte. Weiter hinten war ebenfalls Sau.

Sie saß zwischen den Backsteinwänden fest, die Haut feucht, die Augen voller Panik. Sie zitterte und rang nach Luft; auf ihrer Haut standen Tropfen. Ich habe schon viele große Tiere gesehen. Noch nie hatte eines so wenig Platz für seine Angst.

MOTIV
Riesensau im Tunnel
AUFNAHMEORT
Kanalisation am Theodor-Heuss-Ring, Köln
AUFNAHMEJAHR
2023
KAMERA
Nikon F3 · Nikkor 35 mm ƒ/2
ERG CHEBBI BEI MERZOUGA, MAROKKO2008 / ANALOG

006 — ART UNBESTIMMT

Auf der Suche
nach Sahne.

„Es hatte kein Interesse
an meiner Wasserflasche.“

Im Erg Chebbi bei Merzouga begegnete mir ein Tier, das in keinem meiner Bestimmungsbücher vorkam. Ich suchte bei Säugetieren, Reptilien und schließlich im Stichwortverzeichnis unter „Druckfehler“. Nichts. Es lief auf zwei Beinen und betrachtete den Horizont mit einer Erwartung, die ich sonst nur von Konditoreibesuchern kenne.

Bald begriff ich: Es suchte Sahne. Nicht Wasser, keinen Schatten. Sahne. Jedes helle Flimmern über dem Sand schien ihm die Aussicht auf einen frisch aufgeschlagenen Vorrat zu versprechen. Es rannte los, erreichte die Stelle und fand wieder nur warme Luft.

MOTIV
Das unbekannte Wüstenwesen
AUFNAHMEORT
Erg Chebbi bei Merzouga, Marokko
AUFNAHMEJAHR
2008
KAMERA
Nikon F2 · Nikkor 105 mm ƒ/2,5
DOMPLATTE AM KÖLNER DOM, KÖLN2015 / DIGITAL

007 — MITTEN IN KÖLN

Bruugar.
Nähe hat ihren Preis.

„Die Fans kamen ihm entgegen.
Der Wind kam ihnen entgegen.“

2015 stand ich auf der Domplatte zwischen sehr vielen jungen Leuten und einem Panda, der offensichtlich wusste, welche Seite seiner Kamera nach vorn gehörte. Bruugar, erklärte man mir. Ein bekannter YouTuber. Ich kannte bis dahin vor allem Tiere, die ihre Nahrung ohne Abonnenten fanden.

Zum Fantreffen waren erstaunlich viele Menschen gekommen. Sie hielten Schilder hoch, riefen seinen Namen und wollten gemeinsam mit ihm aufs Bild. Bruugar filmte, winkte und füllte dabei einen beträchtlichen Teil der Domumgebung aus.

MOTIV
Bruugar beim Fantreffen
AUFNAHMEORT
Domplatte am Kölner Dom, Köln
AUFNAHMEJAHR
2015
KAMERA
Canon EOS 5D Mark III · EF 24–70 mm ƒ/2,8L II
BARDENAS REALES, NAVARRA, SPANIEN1998 / ANALOG

008 — EINE FRAGE DER WAHRNEHMUNG

Die Hoheit
kommt zu Pferd.

„Ich zweifelte an allem.
Nur der Film war nüchtern.“

Ich saß in den Bardenas Reales auf einem Stein und war nach einem Pilztrip vollkommen high. Die Sonne stand schon knapp über dem Horizont. Der Horizont schien zu atmen. Mein Kameragurt hatte zeitweise eine Meinung. Als dann eine Katze mit Zylinder auf einem weißen Pferd vorbeikam, war ich sicher: Das ist eine Halluzination vom Pilztrip. Eine reitende Katze konnte unmöglich wirklich vor mir stehen. Das entwickelte Foto bewies später jedoch das Gegenteil: Sie war echt.

Sie trug eine Augenklappe, einen vornehmen Mantel und eine Gitarre. Das Pferd hatte goldene Schuhe. Ich hob die Nikon, eher aus beruflicher Gewohnheit als aus Überzeugung. Die Katze sah mich kurz an, als hätte ich ohne Termin um eine Audienz gebeten.

MOTIV
Noble Katze auf Ross
AUFNAHMEORT
Bardenas Reales, Navarra, Spanien
AUFNAHMEJAHR
1998
KAMERA
Nikon FM2 · Nikkor 50 mm ƒ/1,4
STADTWALD, KÖLN-LINDENTHAL2020 / BODENKAMERA

009 — UNTER DER OBERFLÄCHE

Ein Fund.
Ein sehr kurzer Ansitz.

„Die Kamera blieb.
Ich blieb auf Abstand.“

Im Kölner Stadtwald hatte ich eine kleine Bodenkamera an einem vorhandenen Erdgang eingerichtet. Ich wollte einen Maulwurf beim Ausschachten fotografieren. Ein überschaubares Vorhaben, dachte ich. Auf dem ersten Kontrollbild lag neben ihm ein Ei, das deutlich nicht zum üblichen Inventar eines Maulwurfs gehörte.

Ich ließ die Kamera am Boden und beobachtete das Bild aus einiger Entfernung. Der Maulwurf beschnupperte den Fund. Dann öffnete sich das Ei oben in vier Lappen. Bis dahin hatte ich noch versucht, eine Erklärung mit Pilzen oder Wurzeln zu formulieren.

MOTIV
Maulwurf mit unbekanntem Ei
AUFNAHMEORT
Stadtwald, Köln-Lindenthal
AUFNAHMEJAHR
2020
KAMERA
Sony RX0 II · 24 mm · Bodenkamera mit Fernauslösung
KÖLN, ATELIER KNARZFEDER2017 / DIGITAL

010 — VERHALTENSBEOBACHTUNG

Ein Fest.
Keine Freude.

„Es war nicht gerührt.
Es war stinksauer.“

Ich hatte ein Insekt gefangen und wollte herausfinden, wie es auf eine eigens für es vorbereitete Geburtstagsfeier reagieren würde. Sein tatsächliches Geburtsdatum kannte ich nicht. Ich hielt das für eine organisatorische Nebensache. Das Insekt offenbar nicht.

In meinem Kölner Atelier richtete ich ein Beobachtungsterrarium mit Wimpelkette, Luftballons und einer kleinen Torte her. Dazu ein Partyhut. Meine Arbeitshypothese lautete: Vielleicht freut es sich. Nach dem ersten Blick auf die Torte musste ich diese Hypothese verwerfen.

MOTIV
Insektengeburtstag
AUFNAHMEORT
Köln, Atelier Knarzfeder
AUFNAHMEJAHR
2017
KAMERA
Nikon D810 · AF-S Micro-Nikkor 105 mm ƒ/2,8G
RHEINUFER, KÖLN-DEUTZ2018 / DIGITAL

011 — SAMMLER UNTER WASSER

Ein Karpfen.
Gut eingerichtet.

„Er hatte keine Beute.
Er hatte Hausrat.“

Am Deutzer Rheinufer fiel mir ein Karpfen auf, der nicht einfach zwischen verlorenen Gegenständen herumschwamm. Er sammelte sie. Und er benutzte sie. Einen Teelöffel schob er unter ein Blatt wie einen Tischfuß, einen Flaschendeckel legte er ordentlich daneben. Das war kein Müllhaufen. Das war eine Einrichtung.

Eine Brille trug er bereits auf dem Kopf. Im Maul steckte ein Schnuller. Ich beobachtete ihn eine ganze Weile und musste feststellen, dass dieser Fisch seinen Alltag mit mehr Zubehör organisierte als ich meine letzten drei Expeditionen.

MOTIV
Objektbegeisterter Karpfen
AUFNAHMEORT
Rheinufer, Köln-Deutz
AUFNAHMEJAHR
2018
KAMERA
Canon EOS 5D Mark IV · EF 50 mm ƒ/1,8 STM · Selbstauslöser
KÖLN, INNENHOF DES ATELIERS2016 / DIGITAL

012 — UNERKLÄRLICHE GELASSENHEIT

Die Ruhe
vor dem Anbraten.

„Unten wurde es goldbraun.
Oben blieb es tiefenentspannt.“

Im Innenhof meines Kölner Ateliers saß eine Sau in einem großen Kochtopf. Das Wasser kochte. Die Sau wirkte, als hätte sie sich gerade für die längere Wellness-Anwendung entschieden. Ich prüfte zuerst, ob unter dem Topf wirklich Feuer war. Es war.

Sie hatte die Vorderbeine über den Rand gelegt und die Augen halb geschlossen. Dampf stieg auf, es blubberte, und ausgerechnet das einzige Lebewesen im Topf machte den zufriedensten Eindruck im gesamten Innenhof. Das faszinierte mich mehr als jede scheue Waldbegegnung.

MOTIV
Entspannte Sau im Kochtopf
AUFNAHMEORT
Köln, Innenhof des Ateliers
AUFNAHMEJAHR
2016
KAMERA
Nikon D750 · AF-S Nikkor 50 mm ƒ/1,8G
WORRINGER BRUCH, KÖLN2003 / MAKRO · ANALOG

013 — ART UND HERKUNFT UNGEKLÄRT

Sechs Zentimeter.
Großer Auftritt.

„Für diese Füße
war es erstaunlich schnell.“

Im Worringer Bruch hörte ich zwischen den Grashalmen einen dünnen Trompetenton. Ich kniete mich hin und entdeckte ein Wesen, kaum größer als mein Finger. Sein ovaler Kopf war riesig, seine Augen rot. Ich hatte weder einen Namen dafür noch einen passenden Eintrag im Bestimmungsbuch.

Jede seiner Hände war ungefähr so groß wie sein Kopf. Die Füße dagegen waren winzig. Trotzdem stand es erstaunlich sicher im feuchten Gras und spielte auf einer kleinen Messingtrompete, als hätte es für diesen Vormittag einen Auftritt gebucht.

MOTIV
Unbekannter Trompeter im Gras
AUFNAHMEORT
Worringer Bruch, Köln
AUFNAHMEJAHR
2003
KAMERA
Nikon F100 · Micro-Nikkor 105 mm ƒ/2,8D
KÖLN-WORRINGEN, HERBERTS HOF2006 / ANALOG

014 — UNERBETENER HOFBESUCH

Der Kornspeicher
hat einen Untermieter.

„Das Korn war weg.
Sie war noch da.“

Auf meinem Hof in Köln-Worringen verschwand das Korn schneller, als ich es nachfüllen konnte. Zunächst verdächtigte ich die Tauben. Dann den Lieferanten. Schließlich führte eine Spur aus aufgebissenen Säcken hinter eine alte Holzkiste. Dort saß die Schweinesackratte.

Sie hatte das ganze Korn weggefressen und sah mich mit einem Ausdruck an, den ich nur als abgeschlossene Geschäftsbeziehung beschreiben kann. Schweineschnauze, Rattenzähne, große Ohren. Dazu ein Körper, der den Verbleib der Vorräte recht überzeugend erklärte.

MOTIV
Schweinesackratte
AUFNAHMEORT
Köln-Worringen, Herberts Hof
AUFNAHMEJAHR
2006
KAMERA
Nikon F3 · Nikkor 50 mm ƒ/1,8
KÖLN, DAMALIGE WERKSTATT1946 / ARCHIV · SCHWARZWEISS

015 — AUS DEM FRÜHESTEN ARCHIV

Mein erstes Bild.
Mein größter Irrtum.

„Das Foto ist geblieben.
Die Scham auch.“

Dies ist mein erstes Foto. Ich machte es 1946 in einer Werkstatt in Köln, mit einer geliehenen Kamera und einer Vorstellung von Fotografie, für die ich mich heute schäme.

Ich wollte eine Fliege fotografieren. Sie flog immer wieder weg. Statt meine Ungeduld zu hinterfragen, behandelte ich ihre Flucht wie ein Problem, das ich mit Gewalt lösen durfte. Ich hielt sie fest und quälte sie mit kleinen Werkzeugen, damit sie nicht mehr entkommen konnte. Dabei riss ich ihr auch ein Bein aus.

MOTIV
Die tote Fliege – Herberts erstes Foto
AUFNAHMEORT
Köln, damalige Werkstatt
AUFNAHMEJAHR
1946
KAMERA
Geliehene Plattenkamera · Nahaufnahme

15 Aufnahmen. Ein Leben hinter der Kamera.

DER MANN HINTER DER KAMERA

Ein kölscher Jong.
Ein langes Objektiv.

Herbert-Gandalf Knarzfeder.
Tierfotograf. Geduldsmensch. Schwer erreichbar.

Ich bin en echte kölsche Jong. Geboren in Köln, aufgewachsen im Dunstkreis des Rheins und seit frühester Jugend von Tieren geduldet. Mein genaues Geburtsjahr steht in einem Kirchenbuch, dessen Verbleib ich nicht kommentieren möchte.

Meine erste Kamera bekam ich, als andere Kinder ein Steckenpferd hatten. Das Pferd habe ich trotzdem fotografiert. Seitdem suche ich das Ungezähmte – vom scheuen Moorbewohner bis zur Taube, die am Hauptbahnhof aktiv Blickkontakt sucht.

In meiner Freizeit stelle ich meinen eigenen Feta-Käse her. Die Lake setze ich persönlich an, die Reifung überwache ich mit derselben Geduld wie einen Ansitz. Ein guter Käse braucht Ruhe. Deshalb darf währenddessen niemand an meinen Kühlschrank.

Wenn ich nicht im Unterholz sitze, spiele ich liebend gerne Fortnite auf meinem chinesischen Smartphone. Für fünf Euro habe ich mir dort einen Tarzan-Skin gekauft. Der wurde inzwischen aus dem Store entfernt. Ich besitze also ein Stück Kulturgeschichte und zeige es auf Nachfrage auch ungefragt.

Herbert-Gandalf
STANDORTKöln am RheinARBEITSWEISEAnalog. Beharrlich.
“
Ein gutes Tierfoto entsteht,
wenn beide vergessen,
wer hier eigentlich wen beobachtet.

HERBERT-GANDALF KNARZFEDER

LEISTUNGEN & HONORARE

Gute Bilder.
Klare Ansagen.

Für Wände, Geschichten und Menschen,
die im Gebüsch noch etwas vorhaben.

01 / FÜR DIE WAND

Ein Stück Wildnis.

Eine signierte Fotografie aus meinem Archiv. Für Räume, in denen bisher eindeutig zu wenig Moor hängt.

190 € ab / pro Abzug
  • Fine-Art-Print, 30 × 40 cm
  • Archivfestes Papier, von Hand signiert
  • Mit persönlicher Feldnotiz
  • Versand innerhalb Deutschlands inklusive
03 / MIT INS REVIER

Still sitzen lernen.

Ein persönlicher Fototag an meiner Seite. Sie bringen Ihre Kamera mit. Ich bringe das Schweigen mit.

390 € pro Person / Tag
  • 6 Stunden in einer kleinen Gruppe, max. 3
  • Motivsuche, Licht und Bildgestaltung
  • Persönliche Bildbesprechung
  • Eine Thermoskanne. Keine Smalltalkpflicht.

Alle genannten Preise sind Endpreise. Bei Aufträgen werden Anreise und zusätzliche Nutzungsrechte vorab vereinbart. Wildtiere erscheinen freiwillig. Auch bei mir.

EINE GUTE BEGEGNUNG BEGINNT MIT EINER ANFRAGE.

Was haben Sie
im Visier?

HGK.

Atelier Knarzfeder

Unter Fettenhennen
50667 Köln am Rhein

Besuche nach Vereinbarung.
Die Hennen sind nicht zuständig.

Zurzeit meist im Revier.
Anfragen lassen sich hier als Brief herunterladen.

Großansicht des Fermentierten Schwartenbibers im Worringer Bruch

FERMENTIERTER SCHWARTENBIBER · WORRINGER BRUCH · LEICA M3

Herberts vollständiges Porträt mit bunter Maniküre, alter Kamera und durchgehendem grünen Brückengeländer, dem Gehweg und dem Dom im Hintergrund

HERBERT-GANDALF KNARZFEDER · DEUTZER BRÜCKE, KÖLN

AUS HERBERTS FELDBUCH · № 001 · 2019

Sieben Tage.
Ein Auslöser.

Die Begegnung mit dem Fermentierten Schwartenbiber.

Am siebten Morgen im Worringer Bruch hatte ich aufgehört, auf meine Uhr zu schauen. Sie war am vierten Morgen versunken. Dann bewegte sich etwas, das ich bis dahin für eine beleidigte Uferböschung gehalten hatte.

Der Schwartenbiber trat aus dem Schilf und sah mich an, als schuldete ich ihm seit 1963 Geld. Ich blieb reglos. Er auch. Nach vierzig Minuten war klar: Einer von uns musste beruflich hier sein.

Ich hatte den Wind gegen mich. Das war fotografisch ungünstig und auf eine Weise informativ, auf die mich kein Lehrbuch vorbereitet hatte. Ein Fermentierter Schwartenbiber entwickelt sein charakteristisches Bouquet erst nach mehreren Wintern in stehendem Gewässer. Dieser hier schien die Sache wissenschaftlich zu betreiben.

Die Leica M3 lag unter meiner Jacke. Ich hob sie Millimeter für Millimeter. Meine Knie knackten. Der Biber nickte. Zum ersten Mal an diesem Morgen fühlte ich mich verstanden.

Für einen Augenblick riss der Nebel auf. Das Licht strich über seine stattlichen Schwarten. Er drehte den Kopf, öffnete den Mund und atmete aus. Ich löste aus. Ein Bild. Mehr wäre unserer Beziehung nicht gerecht geworden.

Danach verschwand er im Moor. Ich blieb noch eine Stunde sitzen. Aus Respekt. Und weil mein linker Stiefel inzwischen Teil des Ökosystems geworden war.

— Herbert-Gandalf Knarzfeder

MOTIV
Fermentierter Schwartenbiber
ORT
Worringer Bruch, Köln
AUFNAHMEJAHR
2019
KAMERA
Leica M3 · Summicron 50 mm ƒ/2
AUFNAHME
ƒ/4 · 1/125 s · Kodak Portra 400
Koboldmaki mit Fresssucht im feuchten Laubwald

KOBOLDMAKI MIT FRESSSUCHT · SULAWESI · NIKON F3

AUS HERBERTS FELDBUCH · № 002 · 2022

Alles eine Frage
des Nachschubs.

Ich fand ihn nicht durch seine Rufe. Ich fand ihn durch das Geräusch einer Banane, die unter erheblichem Zeitdruck verzehrt wurde. Im Tangkoko-Naturreservat auf Sulawesi saß ein Koboldmaki vor einem Obsthaufen und führte ein Leben, das vollständig ohne Aufstehen auskam.

Drei Stunden beobachtete ich ihn. Er aß. Dann aß er etwas anderes. Eine kurze Pause nutzte er, um Nahrung aus einer Hautfalte zu bergen. Seine großen Augen überwachten dabei ununterbrochen die nächste Banane. Ein Blick für das Wesentliche, den ich als Fotograf durchaus respektiere.

Bewegung und Körperpflege hatte er offenbar aus seinem Tagesablauf gestrichen. Zwischen dem verklebten Fell zeigten sich entzündete, eiternde Hautstellen. Selbst die Fliegen hielten kurz inne, als müssten sie erst ihre Zuständigkeit klären.

Ich legte mich ins nasse Laub und nahm die Nikon F3 hoch. Er sah direkt ins Objektiv. Nicht aus Neugier: In der Frontlinse spiegelte sich eine Banane. Für diesen einen Moment waren wir beide sehr konzentriert.

Ich machte die Aufnahme bei offenem Licht zwischen zwei Regenschauern. Der Maki biss ab. Ich löste aus. Anschließend untersuchte er meinen Objektivdeckel auf Nährwert. Ich konnte ihn zurückgewinnen, musste dafür aber meinen gesamten Proviant neu verhandeln.

— Herbert-Gandalf Knarzfeder

MOTIV
Koboldmaki mit Fresssucht
AUFNAHMEORT
Tangkoko-Naturreservat, Sulawesi, Indonesien
AUFNAHMEJAHR
2022
KAMERA
Nikon F3 · Micro-Nikkor 105 mm ƒ/2,8
Tätowierter Bullfrog beim versehentlichen Lecken an Kot am Tümpelufer

TÄTOWIERTER BULLFROG · KÖNIGSFORST, KÖLN · CANON F-1

AUS HERBERTS FELDBUCH · № 003 · 2024

Tinte, Tümpel und
ein Fehlgeschmack.

Am schlammigen Ufer im Kölner Königsforst hörte ich zuerst ein sattes Quaken. Dann sah ich die Totenköpfe. Auf dem Oberarm eines Bullfrogs. Ich fotografiere seit einer Ewigkeit Tiere, aber noch nie hatte eines ausgesehen, als würde es nebenbei eine Motorradwerkstatt führen.

Er trug eine Kappe, eine Krone auf der Brust und so viele Tattoos, dass ich mein Bestimmungsbuch zunächst verkehrt herum hielt. Woher die Tätowierungen kamen, konnte ich mir beim besten Willen nicht erklären. Wer tätowiert einen Frosch? Wie hält man die Haut trocken? Und wer unterschreibt die Einverständniserklärung?

Ich war derart fasziniert, dass ich beinahe den entscheidenden Moment verpasste. Eine Fliege setzte sich neben einen frischen Haufen Kot. Der Bullfrog peilte die Fliege an, schoss seine Zunge vor und verrechnete sich um ungefähr eine Fliegenlänge. Die Fliege flog. Der Rest blieb haften.

In seinem Blick lag plötzlich eine Erkenntnis, die kein Amphibienatlas angemessen beschreibt. Genau da drückte ich ab. Die alte Canon war leise genug, um seine Würde nicht zusätzlich zu beschädigen. Zumindest technisch.

Anschließend starrten wir uns lange an. Ich wollte wissen, woher die Tattoos stammten. Er wollte vermutlich, dass ich die Aufnahme löschte. Beides blieb ungeklärt. Ich arbeite auf Film.

— Herbert-Gandalf Knarzfeder

MOTIV
Tätowierter Bullfrog nach einem Fehlgriff mit der Zunge
AUFNAHMEORT
Königsforst, Köln
AUFNAHMEJAHR
2024
KAMERA
Canon F-1 · FD 100 mm ƒ/2,8
Präparierte Hausfledermaus mit Lippenstift und blauem Lidschatten auf einer Sitzstange in einer Wohnung

FRÄULEIN FLEDERMAUS · WÜLFRATH · 2010

AUS HERBERTS FELDBUCH · № 004 · 2010

Für immer
zurechtgemacht.

Dorotea Walda empfing mich in ihrer Wohnung in Wülfrath mit Filterkaffee und den Worten: „Sie ist heute ein bisschen blass.“ Auf einer kleinen Sitzstange wartete Fräulein Fledermaus. Sie war seit Jahren verstorben. Ihr Teint hatte damit laut Frau Walda nichts zu tun.

Jeden Morgen kümmerte sich Frau Walda um das Make-up ihrer Hausfledermaus. Blauer Lidschatten, ein sauber gezogener Lidstrich, Lippenstift. Während andere Menschen ihre Zimmerpflanzen besprühen, besserte sie die Wimpern nach. Ich stellte die Kamera auf und wartete, bis sie mit dem Rouge zufrieden war.

Fräulein Fledermaus war ein altes Präparat, mit brüchigen Flügelrändern und einem Ausdruck, der sich seit geraumer Zeit nicht verändert hatte. Frau Walda nannte ihn „fotogen“. Ich widersprach nicht. Es war ihre Wohnung, ihr Kaffee und offensichtlich auch ihre Lichtregie.

Ich fotografierte mit einem kleinen Blitz gegen die Zimmerdecke. Frau Walda hielt einen weißen Karton als Aufheller und flüsterte: „Jetzt lächeln.“ Ich löste aus. Dann puderte sie noch einmal nach. Für den Fall, dass wir ein zweites Bild brauchten.

— Herbert-Gandalf Knarzfeder

MOTIV
Fräulein Fledermaus
AUFNAHMEORT
Wülfrath
AUFNAHMEJAHR
2010
KAMERA
Minolta X-700 · MD 50 mm ƒ/1,7
Eine riesige, verängstigte Sau steckt eng zwischen den Backsteinwänden eines feuchten Abwassertunnels

RIESENSAU IM TUNNEL · KANALISATION AM THEODOR-HEUSS-RING, KÖLN · 2023

AUS HERBERTS FELDBUCH · № 005 · 2023

Kein Schritt
weiter.

In der Kanalisation am Theodor-Heuss-Ring hörte ich ein schweres Schnaufen, lange bevor mein Licht die Sau erreichte. Dann stand ich vor ihr. Oder genauer: vor dem Teil von ihr, der den gesamten Tunnel ausfüllte. Weiter hinten war ebenfalls Sau.

Sie saß zwischen den Backsteinwänden fest, die Haut feucht, die Augen voller Panik. Sie zitterte und rang nach Luft; auf ihrer Haut standen Tropfen. Ich habe schon viele große Tiere gesehen. Noch nie hatte eines so wenig Platz für seine Angst.

Ich machte ein einziges Foto und steckte die Kamera weg. Dann ging ich zurück zum Ausgang und informierte den örtlichen Tierschutz. Dabei versuchte ich, ihre Größe zu beschreiben. Nach meinem dritten Vergleich mit einem Kleinwagen bat man mich, einfach am Einstieg zu warten.

Die Sau wurde schließlich geborgen. Ich dachte, damit hätte die Geschichte ein gutes Ende. Später erfuhr ich, dass sie bei der Metzgerei Tönnchen & Söhne zu Bratwurst verarbeitet worden war. Seitdem fällt mir bei dem Wort „Rettungskette“ zuerst etwas anderes ein.

Das Negativ habe ich aufgehoben. Nicht jede Aufnahme, die bleibt, hängt man sich gern an die Wand.

— Herbert-Gandalf Knarzfeder

MOTIV
Riesensau im Tunnel
AUFNAHMEORT
Kanalisation am Theodor-Heuss-Ring, Köln
AUFNAHMEJAHR
2023
KAMERA
Nikon F3 · Nikkor 35 mm ƒ/2
Unbekanntes orangefarbenes Wüstenwesen läuft durch Sand auf eine flimmernde Luftspiegelung zu

DAS UNBEKANNTE WÜSTENWESEN · ERG CHEBBI BEI MERZOUGA, MAROKKO · 2008

AUS HERBERTS FELDBUCH · № 006 · 2008

Eine Art,
die verschwand.

Im Erg Chebbi bei Merzouga begegnete mir ein Tier, das in keinem meiner Bestimmungsbücher vorkam. Ich suchte bei Säugetieren, Reptilien und schließlich im Stichwortverzeichnis unter „Druckfehler“. Nichts. Es lief auf zwei Beinen und betrachtete den Horizont mit einer Erwartung, die ich sonst nur von Konditoreibesuchern kenne.

Bald begriff ich: Es suchte Sahne. Nicht Wasser, keinen Schatten. Sahne. Jedes helle Flimmern über dem Sand schien ihm die Aussicht auf einen frisch aufgeschlagenen Vorrat zu versprechen. Es rannte los, erreichte die Stelle und fand wieder nur warme Luft.

Viermal sah ich es einer Fata Morgana hinterherlaufen. Beim fünften Mal hielt ich die Nikon schon bereit. Es eilte an mir vorbei, den Blick fest auf einen milchig weißen Streifen am Horizont gerichtet. Ich machte diese Aufnahme. Meine Wasserflasche würdigte es keines Blickes.

Dann kam Wind auf. Das Wesen blieb stehen, scharrte mit einem Fuß und sank in den Sand, als hätte jemand unter der Düne eine Falltür geöffnet. Innerhalb weniger Sekunden war es verschwunden. Ich wartete bis zum Abend. Es kam nicht zurück.

Ich habe es nie identifizieren können. Auch später wurde es meines Wissens nie wieder gesehen. Auf der Filmhülle steht bis heute: „Unbekannt. Vermutlich enttäuscht.“

— Herbert-Gandalf Knarzfeder

MOTIV
Das unbekannte Wüstenwesen
AUFNAHMEORT
Erg Chebbi bei Merzouga, Marokko
AUFNAHMEJAHR
2008
KAMERA
Nikon F2 · Nikkor 105 mm ƒ/2,5
Der riesige Panda und YouTuber Bruugar mit Kamera und Kopfhörern beim Fantreffen am Kölner Dom; Menschen halten sich die Nase zu

BRUUGAR BEIM FANTREFFEN · DOMPLATTE AM KÖLNER DOM, KÖLN · 2015

AUS HERBERTS FELDBUCH · № 007 · 2015

Ein Star.
Eine ganze Duftwolke.

2015 stand ich auf der Domplatte zwischen sehr vielen jungen Leuten und einem Panda, der offensichtlich wusste, welche Seite seiner Kamera nach vorn gehörte. Bruugar, erklärte man mir. Ein bekannter YouTuber. Ich kannte bis dahin vor allem Tiere, die ihre Nahrung ohne Abonnenten fanden.

Zum Fantreffen waren erstaunlich viele Menschen gekommen. Sie hielten Schilder hoch, riefen seinen Namen und wollten gemeinsam mit ihm aufs Bild. Bruugar filmte, winkte und füllte dabei einen beträchtlichen Teil der Domumgebung aus.

Dann drehte der Wind. Vorne jubelten noch die Fans, hinten beschwerten sich bereits die ersten Kölner Bürger. Ein Herr neben mir erklärte laut, er habe hier schon viel gerochen, aber dafür müsse man eigentlich eine Sondernutzung beantragen.

Ich suchte mir einen Platz, an dem der Dom, Bruugar und die unterschiedlichen Gesichtsausdrücke gemeinsam ins Bild passten. In der ersten Reihe leuchteten die Augen. In der zweiten wurden die Nasen zugehalten. Für einen Moment war die ganze Veranstaltung in einem einzigen Sucher verständlich.

Ich löste aus. Bruugar sprach weiter in seine Kamera. Ein Fan bat um ein Autogramm, ein Anwohner um frische Luft. Ich konnte beiden nicht helfen, hatte aber mein Bild.

— Herbert-Gandalf Knarzfeder

MOTIV
Bruugar beim Fantreffen
AUFNAHMEORT
Domplatte am Kölner Dom, Köln
AUFNAHMEJAHR
2015
KAMERA
Canon EOS 5D Mark III · EF 24–70 mm ƒ/2,8L II
Eine vornehm gekleidete Katze mit Zylinder, Augenklappe und Gitarre reitet bei Sonnenuntergang auf einem weißen Pferd durch eine trockene Landschaft

NOBLE KATZE AUF ROSS · BARDENAS REALES, NAVARRA, SPANIEN · 1998

AUS HERBERTS FELDBUCH · № 008 · 1998

Das Negativ
hatte keinen Trip.

Ich saß in den Bardenas Reales auf einem Stein und war nach einem Pilztrip vollkommen high. Die Sonne stand schon knapp über dem Horizont. Der Horizont schien zu atmen. Mein Kameragurt hatte zeitweise eine Meinung. Als dann eine Katze mit Zylinder auf einem weißen Pferd vorbeikam, war ich sicher: Das ist eine Halluzination vom Pilztrip. Eine reitende Katze konnte unmöglich wirklich vor mir stehen. Das entwickelte Foto bewies später jedoch das Gegenteil: Sie war echt.

Sie trug eine Augenklappe, einen vornehmen Mantel und eine Gitarre. Das Pferd hatte goldene Schuhe. Ich hob die Nikon, eher aus beruflicher Gewohnheit als aus Überzeugung. Die Katze sah mich kurz an, als hätte ich ohne Termin um eine Audienz gebeten.

Ich drückte ab. Danach wartete ich darauf, dass die Erscheinung sich in etwas Vernünftiges verwandelte. Einen Busch vielleicht. Stattdessen hörte ich Hufschläge und einen einzelnen Gitarrenakkord. Dann waren die beiden hinter einer Kuppe verschwunden.

Zu Hause entwickelte ich den Film. Zwischen zwei völlig gewöhnlichen Landschaftsaufnahmen standen Katze und Pferd sauber auf dem Negativ. Scharf. Korrekt belichtet. Einschließlich der Schuhe.

Ich hatte die Katze ausdrücklich für eine Illusion gehalten. Aber Katze und Pferd waren wirklich da gewesen. Das scharfe Bild auf dem entwickelten Film bewies es; die Kamera hatte sich die Szene nicht eingebildet. Seither überprüfe ich ungewöhnliche Begegnungen zuerst mit der Lupe und erst danach mit meinem Erinnerungsvermögen.

— Herbert-Gandalf Knarzfeder

MOTIV
Noble Katze auf Ross
AUFNAHMEORT
Bardenas Reales, Navarra, Spanien
AUFNAHMEJAHR
1998
KAMERA
Nikon FM2 · Nikkor 50 mm ƒ/1,4
Ein Maulwurf weicht in seinem Erdgang zurück, während ein Facehugger mit gespreizten Beinen aus einem geöffneten Ei auf die Bodenkamera zuspringt

MAULWURF MIT UNBEKANNTEM EI · STADTWALD, KÖLN-LINDENTHAL · 2020

AUS HERBERTS FELDBUCH · № 009 · 2020

Aus dem Ei.
Direkt ins Objektiv.

Im Kölner Stadtwald hatte ich eine kleine Bodenkamera an einem vorhandenen Erdgang eingerichtet. Ich wollte einen Maulwurf beim Ausschachten fotografieren. Ein überschaubares Vorhaben, dachte ich. Auf dem ersten Kontrollbild lag neben ihm ein Ei, das deutlich nicht zum üblichen Inventar eines Maulwurfs gehörte.

Ich ließ die Kamera am Boden und beobachtete das Bild aus einiger Entfernung. Der Maulwurf beschnupperte den Fund. Dann öffnete sich das Ei oben in vier Lappen. Bis dahin hatte ich noch versucht, eine Erklärung mit Pilzen oder Wurzeln zu formulieren.

Ein Facehugger sprang heraus. Acht fingerartige Beine, ein langer Schwanz und eine sehr entschlossene Flugbahn direkt auf die Bodenkamera zu. Der Maulwurf wich zurück. Die Fernauslösung erwischte genau den Moment zwischen Ei und Objektiv.

Auf dem nächsten Bild war vor allem eine beige Unterseite zu sehen. Danach Erde. Danach nichts mehr. Ich habe viele Kameraausfälle dokumentiert; dieser war der erste mit erkennbarer Absicht.

Die Speicherkarte konnte ich später bergen. Den Erdgang habe ich seitdem nicht mehr untersucht. In meinem Feldbuch steht bei der geplanten Fortsetzung lediglich: „Maulwurf fragen, ob er umgezogen ist.“

— Herbert-Gandalf Knarzfeder

MOTIV
Maulwurf mit unbekanntem Ei
AUFNAHMEORT
Stadtwald, Köln-Lindenthal
AUFNAHMEJAHR
2020
KAMERA
Sony RX0 II · 24 mm · Bodenkamera mit Fernauslösung
Ein schäumendes, äußerst wütendes Insekt im üppig dekorierten Geburtstagsterrarium; davor Herberts ausführliche handschriftliche Feldnotizen auf Deutsch

INSEKTENGEBURTSTAG · KÖLN, ATELIER KNARZFEDER · 2017

AUS HERBERTS FELDBUCH · № 010 · 2017

Alles Gute.
Offenbar nicht.

Ich hatte ein Insekt gefangen und wollte herausfinden, wie es auf eine eigens für es vorbereitete Geburtstagsfeier reagieren würde. Sein tatsächliches Geburtsdatum kannte ich nicht. Ich hielt das für eine organisatorische Nebensache. Das Insekt offenbar nicht.

In meinem Kölner Atelier richtete ich ein Beobachtungsterrarium mit Wimpelkette, Luftballons und einer kleinen Torte her. Dazu ein Partyhut. Meine Arbeitshypothese lautete: Vielleicht freut es sich. Nach dem ersten Blick auf die Torte musste ich diese Hypothese verwerfen.

Es war außer sich vor Wut. Weißer Schaum trat aus seinen Mundwerkzeugen und tropfte auf den Boden. Ich notierte jede Reaktion mit Uhrzeit in meinem Feldbuch. Es stellte die Vorderbeine auf, stieß den Hut zur Seite und ging gegen die Dekoration vor, als hätte die Wimpelkette ihm persönlich etwas angetan. Nicht einmal mein leise vorgetragenes Geburtstagsständchen verbesserte die Lage. Eher im Gegenteil.

Ich fotografierte durch die geöffnete Beobachtungsklappe mit dem Makroobjektiv. Genau in diesem Moment richtete es seine Fühler auf mich. Der Blick sagte unmissverständlich: Du hast das hier organisiert.

Danach beendete ich die Feier und brachte das Insekt an seinen Fundort zurück. In meinem Protokoll steht: „Überraschung gelungen. Zustimmung nicht festgestellt.“ Die Geschenke blieben ungeöffnet.

— Herbert-Gandalf Knarzfeder

MOTIV
Insektengeburtstag
AUFNAHMEORT
Köln, Atelier Knarzfeder
AUFNAHMEJAHR
2017
KAMERA
Nikon D810 · AF-S Micro-Nikkor 105 mm ƒ/2,8G
Herbert kniet am Rheinufer und hält einen Karpfen mit Brille und Schnuller waagerecht in beiden Händen wie bei einem Fangfoto

OBJEKTBEGEISTERTER KARPFEN · RHEINUFER, KÖLN-DEUTZ · 2018

AUS HERBERTS FELDBUCH · № 011 · 2018

Alles kann man
noch gebrauchen.

Am Deutzer Rheinufer fiel mir ein Karpfen auf, der nicht einfach zwischen verlorenen Gegenständen herumschwamm. Er sammelte sie. Und er benutzte sie. Einen Teelöffel schob er unter ein Blatt wie einen Tischfuß, einen Flaschendeckel legte er ordentlich daneben. Das war kein Müllhaufen. Das war eine Einrichtung.

Eine Brille trug er bereits auf dem Kopf. Im Maul steckte ein Schnuller. Ich beobachtete ihn eine ganze Weile und musste feststellen, dass dieser Fisch seinen Alltag mit mehr Zubehör organisierte als ich meine letzten drei Expeditionen.

Für das Porträt holte ich ihn kurz aus dem flachen Uferwasser und kniete mich über eine nasse Abhakmatte. Ich hielt ihn waagerecht in beiden Händen, wie auf einem gewöhnlichen Fangfoto. Die Kamera stand vor mir auf dem Stativ und löste nach zehn Sekunden selbst aus. Deshalb bin ich ausnahmsweise mit auf dem Bild.

Den Schnuller wollte er nicht abgeben. Die Brille saß erstaunlich fest. Neben der Matte lagen ein Schlüssel, ein Löffel und ein Kronkorken aus seinem Bestand. Er betrachtete die Gegenstände mit der Sorge eines Menschen, dessen Umzugskartons falsch beschriftet wurden.

Nach der Aufnahme setzte ich ihn zurück. Er nahm sofort den Löffel wieder auf und verschwand zwischen den Pflanzen. Ich hatte ein Bild. Er hatte offenbar noch etwas einzurichten.

— Herbert-Gandalf Knarzfeder

MOTIV
Objektbegeisterter Karpfen
AUFNAHMEORT
Rheinufer, Köln-Deutz
AUFNAHMEJAHR
2018
KAMERA
Canon EOS 5D Mark IV · EF 50 mm ƒ/1,8 STM · Selbstauslöser
Eine zufriedene Sau liegt entspannt in einem dampfenden, sprudelnden Kochtopf; am unteren Rand zeigt sich goldbraune Bräunung

ENTSPANNTE SAU IM KOCHTOPF · KÖLN, INNENHOF DES ATELIERS · 2016

AUS HERBERTS FELDBUCH · № 012 · 2016

Ein Bad.
Mit Röstaromen.

Im Innenhof meines Kölner Ateliers saß eine Sau in einem großen Kochtopf. Das Wasser kochte. Die Sau wirkte, als hätte sie sich gerade für die längere Wellness-Anwendung entschieden. Ich prüfte zuerst, ob unter dem Topf wirklich Feuer war. Es war.

Sie hatte die Vorderbeine über den Rand gelegt und die Augen halb geschlossen. Dampf stieg auf, es blubberte, und ausgerechnet das einzige Lebewesen im Topf machte den zufriedensten Eindruck im gesamten Innenhof. Das faszinierte mich mehr als jede scheue Waldbegegnung.

Dann bemerkte ich unten die erste goldbraune Stelle. Die Sau begann langsam anzubraten und blieb dennoch vollkommen entspannt. Ich suchte nach einem Zeichen von Unbehagen. Sie schnaubte wohlig. Ich hatte wissenschaftlich nichts Vergleichbares anzubieten.

Ich nahm die Nikon und fotografierte genau diesen Widerspruch: oben ein zufriedenes Gesicht, unten bereits Röstaromen. Anschließend zog ich den Topf vom Feuer. Die Sau sah mich an, als hätte ich mitten in ihrer Lieblingsanwendung den Strom abgestellt.

In mein Feldbuch schrieb ich: „Hitze vorhanden. Entspannung ebenfalls. Zusammenhang ungeklärt.“ Den Topf habe ich seitdem nicht mehr zum Kochen benutzt.

— Herbert-Gandalf Knarzfeder

MOTIV
Entspannte Sau im Kochtopf
AUFNAHMEORT
Köln, Innenhof des Ateliers
AUFNAHMEJAHR
2016
KAMERA
Nikon D750 · AF-S Nikkor 50 mm ƒ/1,8G
Ein fingergroßes außerirdisch wirkendes Wesen mit riesigem ovalem Kopf, roten Augen, kopfgroßen Händen und winzigen Füßen spielt im Gras Trompete

UNBEKANNTER TROMPETER IM GRAS · WORRINGER BRUCH, KÖLN · 2003

AUS HERBERTS FELDBUCH · № 013 · 2003

Ein Ton.
Dann war es weg.

Im Worringer Bruch hörte ich zwischen den Grashalmen einen dünnen Trompetenton. Ich kniete mich hin und entdeckte ein Wesen, kaum größer als mein Finger. Sein ovaler Kopf war riesig, seine Augen rot. Ich hatte weder einen Namen dafür noch einen passenden Eintrag im Bestimmungsbuch.

Jede seiner Hände war ungefähr so groß wie sein Kopf. Die Füße dagegen waren winzig. Trotzdem stand es erstaunlich sicher im feuchten Gras und spielte auf einer kleinen Messingtrompete, als hätte es für diesen Vormittag einen Auftritt gebucht.

Ich legte mich flach auf den Boden und brachte das Makroobjektiv in Stellung. Die großen Hände hielten die Trompete und bedienten die Ventile. Zwischen zwei Halmen konnte ich endlich das ganze Wesen sehen: Kopf, Hände, Instrument und diese kaum vorhandenen Füße.

Ich machte ein Foto. Das Klicken reichte. Es setzte die Trompete ab, sah mich mit seinen roten Augen direkt an und rannte davon. Für diese Füße war es geradezu unverschämt schnell. Nach wenigen Sekunden hörte ich nur noch Gras rascheln.

Ich suchte die Stelle gründlich ab und kam in den folgenden Tagen wieder. Kein Wesen, keine Trompete, keine Erklärung. Das Foto blieb. In meinem Archiv steht es unter „Ungeklärt“. Das ist inzwischen ein eigener Schrank.

— Herbert-Gandalf Knarzfeder

MOTIV
Unbekannter Trompeter im Gras
AUFNAHMEORT
Worringer Bruch, Köln
AUFNAHMEJAHR
2003
KAMERA
Nikon F100 · Micro-Nikkor 105 mm ƒ/2,8D
Eine Schweinesackratte mit Schweineschnauze, großen Ohren und kahlen Hautfalten ruht in Herberts alter Hand mit türkis lackiertem Daumennagel

SCHWEINESACKRATTE · KÖLN-WORRINGEN, HERBERTS HOF · 2006

AUS HERBERTS FELDBUCH · № 014 · 2006

Ein voller Bauch.
Ein leerer Speicher.

Auf meinem Hof in Köln-Worringen verschwand das Korn schneller, als ich es nachfüllen konnte. Zunächst verdächtigte ich die Tauben. Dann den Lieferanten. Schließlich führte eine Spur aus aufgebissenen Säcken hinter eine alte Holzkiste. Dort saß die Schweinesackratte.

Sie hatte das ganze Korn weggefressen und sah mich mit einem Ausdruck an, den ich nur als abgeschlossene Geschäftsbeziehung beschreiben kann. Schweineschnauze, Rattenzähne, große Ohren. Dazu ein Körper, der den Verbleib der Vorräte recht überzeugend erklärte.

Ich hob sie vorsichtig auf. Sie war schwerer, als ihre Größe vermuten ließ, was angesichts meiner leeren Kornsäcke keine große Überraschung sein konnte. Ich stützte sie mit der linken Hand, während ich die Nikon mit der rechten bediente. Die Aufnahme entstand noch vor der Bestandsaufnahme im Speicher.

Sie versuchte währenddessen nicht zu fliehen. Vermutlich hätte sie dafür erst verdauen müssen. Ich machte zwei Bilder, sie rülpste einmal. Dann setzte ich sie hinter der Scheune wieder ab und verschloss die restlichen Vorräte in einer Blechtonne.

Am nächsten Morgen saß sie vor der Tonne. Geduldig. Fast vorwurfsvoll. Ich erkannte berufliche Ausdauer, aber ich öffnete nicht.

— Herbert-Gandalf Knarzfeder

MOTIV
Schweinesackratte
AUFNAHMEORT
Köln-Worringen, Herberts Hof
AUFNAHMEJAHR
2006
KAMERA
Nikon F3 · Nikkor 50 mm ƒ/1,8
Vergilbte Schwarzweißaufnahme von 1946: eine tote Fliege mit einem abgetrennten Bein auf einer Werkbank, umgeben von kleinen Klemmen, Zangen und Nadeln

DIE TOTE FLIEGE – HERBERTS ERSTES FOTO · KÖLN, DAMALIGE WERKSTATT · 1946

AUS HERBERTS FELDBUCH · № 015 · 1946

1946.
Was ich heute
zutiefst bereue.

Dies ist mein erstes Foto. Ich machte es 1946 in einer Werkstatt in Köln, mit einer geliehenen Kamera und einer Vorstellung von Fotografie, für die ich mich heute schäme.

Ich wollte eine Fliege fotografieren. Sie flog immer wieder weg. Statt meine Ungeduld zu hinterfragen, behandelte ich ihre Flucht wie ein Problem, das ich mit Gewalt lösen durfte. Ich hielt sie fest und quälte sie mit kleinen Werkzeugen, damit sie nicht mehr entkommen konnte. Dabei riss ich ihr auch ein Bein aus.

Als ich endlich auslöste, war die Fliege tot. Auf der Werkbank lagen die Klemmen, Nadeln und Zangen, die ich benutzt hatte. Ich hatte das Bild bekommen, das ich erzwingen wollte. Und jedes Recht verloren, darauf stolz zu sein.

Ich bereue das zutiefst. Nicht erst, seit ich besser fotografiere, sondern seit ich begriffen habe, dass ihr Fortfliegen kein Fehler war. Sie wollte leben. Mein Wunsch nach einem ersten Foto war dafür vollkommen bedeutungslos.

Ich zeige diese Aufnahme am Ende meines Archivs, weil sie zu meiner Geschichte gehört. Sie ist keine Trophäe. Sie erinnert mich daran, dass ein Tier mir weder ein Bild noch seine Geduld schuldet. Die Fliege konnte ich nicht zurückholen. Meine Haltung musste ich ändern.

— Herbert-Gandalf Knarzfeder

MOTIV
Die tote Fliege – Herberts erstes Foto
AUFNAHMEORT
Köln, damalige Werkstatt
AUFNAHMEJAHR
1946
KAMERA
Geliehene Plattenkamera · Nahaufnahme

POST FÜR HERBERT

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